Die verwaiste Boeing

Sie fliegt nicht mehr. Schon lange nicht. Alleingelassen steht sie abseits des täglichen Flugbetiebs am südlichen Waldrand von Tegel, die Landebahn der aktiven Flieger in trauriger Sichtweite. Nur wenige Meter entfernt donnern hier im Minutentakt ihre Kollegen in knapper Höhe herunter, an ihr vorbei, zum Flughafen, den sie noch nie aus der Nähe gesehen hat. Sie durfe nie auf das Rollfeld, hat nie zwischen den anderen großen und kleinen Maschinen gestanden, sie wurde nie ausgerufen als der nächste startende Flieger in die Ferne. Stattdessen wurde sie von einem zum anderen gereicht, unerwünscht, inzwischen unbeachtet. Ihre Aussenhaut löst sich immer mehr auf, die Farbe ist ausgeblichen, im rechten Triebwerkseinlass ist statt der Triebwerksschaufeln nur noch Plexiglas. Der Lack ist ab.

Die wenigen Menschen, die sich für sie interessieren, stehen weit entfernt hinter einem Zaun, eine Möglichkeit für Besichtigungen ist nicht gegeben und jeglicher Zugang nicht erlaubt. Selbst wenn, wäre ein Betreten inzwischen zu gefählich, zu weit vortgeschritten ist die Verrottung des Materials. Das Interesse an der Maschine ist gänzlich versiegt. Damalige Pläne, den Innenraum zur Ausbildung künftiger AirBerlin-Angestellte zu nutzen, wurden nie umgesetzt. Eine weitere Nutzung ist unmöglich geworden, das Ende durch Demontage absehbar.

Die Geschichte hinter diesem Flieger ist schon sehr interessant:

Das imposante Luftahnsa-Flugzeug vom Typ Boeing LH-707-400 im Kranich-Outfit war ein Geschenk des Flugzeugbauers Boeing an die Stadt Berlin.

Seine Landung am 22. November 1986 in Westberlin war ein Politikum. Sie stand nicht nur für das Engagement der Lufthansa für die damals noch geteilte Stadt, sondern auch für die Vision eines endlich wieder freien Flugverkehrs in die Stadt.

Am 23. November 1986 schrieb die Berliner Morgenpost: „Ein vierstrahliges Verkehrsflugzeug des Typs Boeing 707 in den Farben der Deutschen Lufthansa ist die neueste Attraktion des Flughafens Tegel“. Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU), Lufthansa-Vorstandschef Heinz Ruhnau und der Präsident des Flugzeugherstellers Boeing, Thomas A. Wilson standen Spalier, als mit der Boeing 707 in Lufthansa-Outfit das erste Flugzeug der Kranich-Linie nach Ende des zweiten Weltkrieges wieder in Berlin landete. Das Ganze war nur durch einen Coup möglich geworden. Denn nach Berlin durften nur Maschinen der Alliierten durch den Luftkorridor fliegen.

Boeing hatte Lufthansa anlässlich der Auslieferung des 200. Flugzeugs an die Kranich-Linie ein Geschenk machen wollen. Der Flugzeughersteller erwarb daher von der israelischen Fluggesellschaft El-Al eine Boeing 707 und ließ diese, wenn auch nicht ganz originalgetreu, in den Lufthansa-Farben bemalen. Die Maschine wurde nach Frankfurt geflogen und musste nun den Weg durch den eigentlich für eine deutsche Maschine gesperrten Luftkorridor nach Berlin antreten. Zu diesem Zweck erhielt die Maschine eine amerikanische Registrierung und die Lufthansa-Bemalung wurde überklebt. Alles klappte, in Tegel wurde die Tarnung entfernt und die Maschine in allen Ehren und mit der „Berliner Luft“ empfangen.

Weder die Flughafengesellschaft, das Deutsche Technikmuseum noch die Lufthansa haben mehr ein Interesse, den Flugzeug-Oldie in Berlin zu halten. Die Gründe sind monetärer Natur. „In Tegel kann man mit dem Flugzeug aus Sicherheitsgründen nichts machen“, sagt der Vize-Direktor des Technikmuseum, Prof. Holger Steinle. Die Lufthansa hatte dem Museum damals die Boeing übereignet. Das Flugzeug zu zerlegen und möglicherweise am Flughafen Tempelhof im Sinne des immer wieder ins Gespräch gebrachten Luftfahrtmuseums aufzustellen, sei viel zu teuer, sagt Steinle und nennt ein Summe von 200 000 Euro.

Auch der Flughafen hat kein Interesse an der Maschine. „Leider“, sagt Tegels Verkehrsleiter Elmar Kleinert. „Die Boeing 707 ist ein Juwel. Sie leitete das Düsenzeitalter ein.“ Auch für die Lufthansa. Deren erste Boeing 707 wurde 1960 vom damaligen Regierenden Bürgermeister Willy Brandt auf den Namen Berlin getauft. Schließlich wurde die „Luft-Hansa“ 1926 in Berlin gegründet.

(Quelle: Berliner Morgenpost: https://www.morgenpost.de/berlin/article102442905/Legendaeres-Flugzeug-verrottet-in-Tegel.html)

 

 

12 Kommentare

    1. Ja, es ist echt eine seltsame Story dahinter. Ich find’s auch extrem schade, dass man keine Nutzung dafür gefunden hat, und selbst wenn’s nur umgebaut worden wäre zu einem Café, Museum oder einfach so zum Besichtigen.

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    1. *hehehe* keine schlechte Idee, nur mit dem Kapern wird schwierig, da die Polizei eng getacktet patroulliert! Und ich glaube, die Sicherehit ist auch nicht mehr ganz so optimal 😀 .
      Viele Grüße!

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