Kunst ist…-niemals nur Banane

„Wow, das hier fühlt sich an wie eine begehbare Kunstausstellung…!“, dachte ich, als ich das verlassene Gebäude betrat und durch all die kreativ und liebevoll bemalten Räume wanderte.

Erst fand ich sie gar nicht, weil ich im hinteren Teil des Nebengebäudes eingestiegen bin. Statt dessen wurde ich gefunden, von einem stark heruntergekommenem Typen. Ich sah ihn zufällig, als ich im ersten Stock aus dem Fenster blickte. Er kam auf den Eingang unter mir zu: langer, zerschlissener Mantel, verschmierte Hose, Stiefel, die vielleicht vom russischen Militär stammen könnten. Mir wurde etwas mulmig. Ich überlegte kurz, ob und wo ich mich verstecken könnte, denn man weiß ja nie. Aber da war nicht viel mit verstecken, alle Räume waren leer. Das Knirschen im Eingangsbereich unter mir bezeugte sein Nähern, dann die Schritte auf der Treppe. Ich konnte auch nicht großartig weg, denn es gab nur den einen Zugang von der Treppe in die oberen Stockwerke. Somit stand ich in meinen Raum wie in einer Sackgasse. Ich hörte ihn in meine Richtung kommen, hoffend, dass er an meinem Raum vorbeigehen würde. Doch er ging nicht vorbei. Er kam rein. Im ersten Bruchteil der Sekunde, wo sich unsere Blicke trafen, mußte ich abschätzen, ob er mir gefährlich werden könnte, vielleicht sogar böse Absichten hätte, oder nicht. Seine strähnigen Haare hingen kraftlos bis Kinnlänger herunter, an der Nase hing ein Tropfen, in der Hand hielt er eine Pulle Korn am Flaschenhals. Vielleicht sein wärmender Wegbegleiter für diesen Tag. Ich pokerte, blieb cool stehen, meine Kamera halb hochhaltend, um zu zeigen, dass zumindest ich harmlose Ziele hatte. Er sah mich mit seinen leicht wässrigen Augen an, dann, wie zeitverzögert, legte sich ein Lächern auf seine Mundwinkel. „Do you want to see the banana room?“ , fragte er mit Akzent, den ich in den russischen Raum einordnen würde. „Oh, yes, I haven’t found it, yet.“, antwortete ich und war überzeugt, dass er nur ein armer Schlucker war, der sich aber definitiv auskannte. Und wie er das tat. Er zeigte mir als erstes den „iceroom“, den ich wahrscheinlich ohne ihn gar nicht entdeckt, geschweige denn als solchen eingeordnet hätte. „Banana room is in the other house“, klärte er mich auf, und ob ich ein bißchen Geld für ihn hätte. Viel war es zwar nicht, aber auch wenn mir klar war, dass meine Münzen in Schnaps umgewandelt werden würden, gab ich sie ihm gern für seine tolle Info. Und nein, er war nicht gefährlich, er war sogar sehr nett und irgendwie sympatisch. Ich mochte ihn. Und hatte durch ihn einen tollen Tag! So kann es manchmal gehen…

Der Verfall in dem anderen Gebäude mit besagten Kunsträumen war stark vorangeschritten. Besonders im oberen Stockwerk, das ich mir deshalb auch ersparte. Ich hatte gelesen, dass da mal ein Typ eingekracht ist und sich das Bein brach. Die Kunsträume im Erdgeschoss aber waren unglaublich!! Ich ging mit leisen Schritten, bedächtig, voller Respekt vor der hinterlassenen Arbeit. Jeder Raum ist individuell gestaltet, der StreetartIst hat sich viel Arbeit gemacht, die Räume zu säubern, um sie dann tatsächlich von oben bis unten zu grundieren, mit kleinen, niedlichen Elementen zu vervollkommnen und dabei quasi Themenräume zu schaffen. So gibt es z.B den „Muffinraum“, den „Wolkenraum“, den „Blumenraum“. In Gedanken an die früher hier liegenden Kinder schaue ich mich um, stelle mir Kinderstimmgewusel vor. Jetzt herrscht nur noch das Reden von weiteren begeisterten Besuchern oder Jugendlichen. Als sie alle weg sind, bin ich froh, die Kunst der streetart ganz allein genießen zu können. Endlich Stille. Friedliche Ruhe. Einen Moment länger stehen bleiben…einfach bleiben…schauen. Schön!

(Die Räume sind inzwischen stark zerstört und von der Kunst nicht viel übrig geblieben. Wer mehr zu der Geschichte hinter dem Gebäude wissen möchte, kann mich gern per Mail kontaktieren.)

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