Das Blau im Winter

Die Winterzeit ist schon speziell. Finde ich jedenfalls. Damit meine jetzt ich nicht diese verregneten, grauen, stürmischwindigen Tage, also nicht das Schmuddelwetter, was inzwischen gefühlt häufiger diese Jahreszeit prägt als die klassischen Merkmale wie ich sie eigentlich mit Winter verbinde. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal Sätze beginnen werde mit „Früher…“. Aber wenn ich an meine Kindheit, also an „früher“ denke, dann erinnere ich mich an eine Winterzeit, die geprägt war durch viel Schnee bei Temperaturen, die meist unter 0°C lagen, die Luft war klirrend klar und dennoch mit Sonnenschein erfüllt. Zu der Zeit waren Moonboots gerade in Mode, also diese halbhohen, fellgefütterten Kuschelschuhe, in denen man sich fühlte, als hätte man seinen Flokatieteppich um die Füße gewickelt. Handschuhe und Mütze gehörten ebenfalls ganz selbstverständlich zur Klamottenausrüstung. Nach Schulschluss rodelten wir den Hang hinunter, immer auf der Suche nach noch spannenderen Abfahrten. Und das auf echtem Schnee, nicht wie heute auf künstlich vollgeblasenen Pisten, die mehr Strom fressen als eine Kleinstadt im ganzen Jahr! Manchmal konnte ich sogar auf unserem Fluß zur Schule gehen, weil es lange genug kalt war, dass die Eisschicht uns trug. Die Betonung liegt dabei auf „lange“. Wann gibt es heutzutage noch eine so lange Kältephase, dass ein See wochen- oder monatelang zugefroren ist? A propos: die Teiche und Seen waren früher fast jedes Wochenende proppevoll mit Schlittschuhläufern. Die Enten saßen zusammengekauert am Rande und schauten ziemlich gelangweilt zu und blieben unbeeindruckt. Auch für sie war es ganz normal, dass ihr geliebtes Wassereich in dieser Jahreszeit zugefroren war. Ja, früher gab es Winter, die Spaß gemacht haben. Und die schön waren. Vor allem, wenn man bei einem Spaziergang im Sonnenschein den Schnee auf den kahlen Ästen glitzern sah, wenn es bei jedem Schritt unter den Schuhen knirschte, wenn man den Schnee von den Mauern fegen und sich mit Schneekugeln bewerfen konnte. Abends zogen wir dann mit geröteten Wangen nach Hause zurück. Lange Nebelschwaden schwebten unheimlich über dem gefrorenen Boden der Wiesen, der Park schien sich für die Nacht bereit zu machen. Stille legte sich in den Strassen nieder und ein wunderschönes Tiefblau überzog die leeren Baumkronen wie ein ewig langes Seidentuch. Beim Blick in den Himmel wirkten die Sterne beruhigend, ich fühlte mich geborgen. Heutzutage muss man schon nach den Sternen suchen, zuviel Lichter der Stadt überblenden den Nachthimmel.

Ich vermisse das alles ein bißchen: den Schnee, die Stille, die Sterne, eben den Winter von früher. Und so traurig es klingen mag: ich bin auch froh, dass ich diese Winter erleben konnte und ich hoffe, dass ich die weiteren negativen Folgen von Klimawandel, Umweltverschmutzung, digitaler Verblendung und Massentourismus durch Globalisierung nicht mehr bis zum völligen Kollaps unserer ursprünglichen Natur erleben werde.

(Diese Fotos sind mit meinem Mobilphone entstanden – dafür sind die Dinger ja ganz gut zu gebrauchen 😀 )

4 Kommentare

  1. Deine Gedanken decken sich mit meinen. Wobei schon meine Mutter mir in den 1970er Jahren erzählt hat, dass die Winter in ihrer Jugend (1930 ist sie geboren) einfach mehr Schnee hatten und viel kälter gewesen seien. Ich denke, dass man natürlich die Vergangenheit immer ein wenig „schön malt“. Ich war auch der Meinung, dass die Winter in meiner Kinder- und Jugendzeit mehr Schnee hatten und kälter waren. Bilder aus der Zeit zeigen es dann ein wenig anders. Kalte Hände und Füße waren wahrscheinlich den ewig nassen Schuhen und Handschuhen geschuldet.
    Ich möchte damit keinesfalls den Klimawandel negieren, dieses Thema betrachte ich auch mit Sorge und auch oft mit ohnmächtiger Wut.
    Ich mach es wie Du; ich bin froh, Winter auf der Schwäbischen Alb erlebt zu haben, wo alles dick eingeschneit war.
    Viele Grüße
    Jörg

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    1. Ja, stimmt schon, unsere Erinnerung verklärt oft einiges, allerdings war es tatsächlich so, dass man auf dem gefrorenen Fluss zur Schule gehen konnte und der Hügel zum Rodeln auf jeden Fall genügend Schnee hatte. Ich sehe den Klimawandel auch sehr besorgt, vor allem wenn wir in Deutschland zwar Verbesserungen erarbeitet haben, aber Länder im asiatischen Raum wie China weit von Umweltschutz entfernt sind. Was bleibt ist unser Jetzt genießen.
      Viele Grüße

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      1. Leider sind die Verbesserungen, die wir erarbeitet haben für das, was wir an Gewinn aus der Natur ziehen, viel zu wenig.
        Es macht mich traurig, dass wir uns zu keinen Entscheidungen durchringen können aus Angst, ein paar Promille Wirtschaftswachstum zu riskieren

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      2. Ja, da triffst Du den Kern, die Wirtschaft steht nach wie vor an erster Stelle. Ich kann das auch nicht verstehen. Ich glaube, die Politik lässt sich zu sehr von Lobbyisten und Konzernen beeinflussen und dirigieren. Merkt man ja besonders bei der Autoindustrie.

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